Für mich beginnt jedes Gespräch mit dem aufrichtigen Wunsch, einen Menschen wirklich zu verstehen.
Ich glaube, dass Menschen ihre eigenen Antworten oft bereits in sich tragen. Manchmal sind sie unter Sorgen, Erwartungen oder Unsicherheit verborgen. Ein Gespräch kann helfen, sie wieder sichtbar werden zu lassen.
Deshalb höre ich aufmerksam zu. Ich frage nach. Ich versuche zu verstehen, wie ein Mensch seine Situation erlebt. So kann Orientierung entstehen. Und aus Orientierung kann Veränderung wachsen.
Diese Haltung ist durch meine Erfahrungen als Ingenieurin, Führungskraft und Mutter gewachsen. Jede dieser Rollen hat meinen Blick auf Menschen erweitert.
Das Studium der Psychologie war für mich die konsequente Fortsetzung dieses Weges. Ich wollte besser verstehen, was ich über viele Jahre beruflich und persönlich erlebt hatte. Die psychologische Forschung hat mir geholfen, viele dieser Erfahrungen wissenschaftlich einzuordnen und zu vertiefen.
In der psychologischen Forschung habe ich viele Gedanken wiedergefunden, die mich schon lange begleitet hatten. Sie hat meine Haltung nicht ersetzt, sondern geschärft und vertieft.
Im Folgenden möchte ich Sie an den Gedanken teilhaben lassen, die meine Haltung besonders geprägt haben – und daran, was sie für meine Gespräche bedeuten.
Carl Rogers Begegnung auf Augenhöhe
Warum fühlen wir uns bei manchen Menschen wirklich verstanden – und bei anderen nicht?
Was mich daran überzeugt
Carl Rogers beschreibt eine hilfreiche Beziehung als geprägt von drei Grundhaltungen: Empathie, Kongruenz und bedingungsfreier positiver Beachtung.
Empathie bedeutet, die Welt möglichst aus der Perspektive des anderen Menschen zu verstehen. Kongruenz beschreibt Echtheit und Authentizität – die Übereinstimmung zwischen dem, was ein Mensch fühlt, denkt und nach außen zeigt. Bedingungsfreie positive Beachtung bedeutet, einem Menschen unabhängig von seinen Schwierigkeiten mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen.
Rogers verstand diese Haltungen nicht als Technik, die man einfach anwenden kann. Sie beschreiben vielmehr die Art und Weise, wie Menschen einander begegnen. Als ich seine Arbeiten las, habe ich viele Gedanken wiedergefunden, die mich schon lange begleitet hatten. Sie haben mir geholfen zu verstehen, warum eine solche Haltung persönliche Entwicklung unterstützen kann.
Was das für unsere Gespräche bedeutet
Ich möchte Menschen ohne vorschnelle Bewertungen begegnen. Ich höre aufmerksam zu, frage nach und versuche, die Welt für einen Moment mit den Augen meines Gegenübers zu sehen. Dabei ist mir wichtig, authentisch zu bleiben und jedem Menschen mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen.
Richard Lazarus Die Bedeutung unserer Bewertungen
Warum erleben zwei Menschen dieselbe Situation so unterschiedlich?
Was mich daran überzeugt
Richard Lazarus beschreibt Erleben als einen fortlaufenden Prozess. Menschen reagieren nicht allein auf ein Ereignis, sondern auf die Bedeutung, die dieses Ereignis für sie hat.
Diese persönliche Bewertung wird unter anderem durch frühere Erfahrungen, Erwartungen, Werte und die jeweilige Lebenssituation geprägt. Deshalb kann dasselbe Ereignis von zwei Menschen ganz unterschiedlich erlebt werden. Bewertungen sind jedoch nicht unveränderlich: Neue Informationen, Erfahrungen oder Perspektiven können dazu führen, dass eine Situation anders verstanden wird – und sich damit auch das emotionale Erleben verändert.
Was das für unsere Gespräche bedeutet
Mich interessiert nicht nur, was geschehen ist, sondern vor allem, welche Bedeutung es für einen Menschen hat. Deshalb versuche ich zu verstehen, wie jemand seine Situation erlebt und bewertet. Neue Perspektiven können dazu beitragen, dass Orientierung entsteht und daraus Veränderung wachsen kann.
Aaron T. Beck Gedanken formen unser Erleben
Warum geraten wir immer wieder in ähnliche Denk- und Handlungsmuster?
Was mich daran überzeugt
Aaron T. Beck beschreibt, wie frühere Erfahrungen unsere Überzeugungen und unsere Sicht auf aktuelle Situationen prägen. Daraus können automatische Gedanken und wiederkehrende Muster des Erlebens und Handelns entstehen.
Solche Gedanken treten häufig sehr schnell auf und wirken deshalb selbstverständlich oder unumstößlich. Sie beeinflussen, wie wir eine Situation einordnen, welche Gefühle entstehen und welche Handlungsmöglichkeiten wir wahrnehmen. Werden diese Zusammenhänge bewusster, können auch andere Sichtweisen und neue Reaktionen möglich werden.
Was das für unsere Gespräche bedeutet
Gespräche können dazu beitragen, wiederkehrende Gedanken- und Handlungsmuster bewusster wahrzunehmen. Wer eigene Zusammenhänge besser versteht, entdeckt oft auch neue Möglichkeiten, mit ihnen umzugehen.
Edward L. Deci & Richard M. Ryan Motivation, die von innen kommt
Warum entsteht nachhaltige Motivation nicht durch Druck, sondern aus uns selbst?
Was mich daran überzeugt
Die Selbstbestimmungstheorie von Edward L. Deci und Richard M. Ryan beschreibt drei grundlegende psychologische Bedürfnisse: Autonomie, Kompetenz und soziale Verbundenheit.
Autonomie bedeutet, sich als Urheberin oder Urheber des eigenen Handelns zu erleben. Kompetenz bezeichnet das Gefühl, etwas bewirken und Herausforderungen bewältigen zu können. Soziale Verbundenheit entsteht dort, wo Menschen sich angenommen und zugehörig fühlen. Werden diese Bedürfnisse unterstützt, können selbstbestimmte Motivation, Wohlbefinden und persönliche Entwicklung wachsen.
Was das für unsere Gespräche bedeutet
Ich möchte Menschen nicht sagen, welchen Weg sie gehen sollen. Mir ist wichtig, dass sie ihren eigenen Weg finden – einen Weg, der zu ihren Werten, ihren Möglichkeiten und ihrem Leben passt.
Albert Bandura Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit
Was hilft einem Menschen, den nächsten Schritt wirklich zu wagen?
Was mich daran überzeugt
Albert Bandura bezeichnet die Überzeugung eines Menschen, Herausforderungen aus eigener Kraft bewältigen zu können, als Selbstwirksamkeitserwartung.
Sie beeinflusst, ob Menschen eine Herausforderung annehmen, wie viel Ausdauer sie entwickeln und wie sie mit Schwierigkeiten oder Rückschlägen umgehen. Selbstwirksamkeit bedeutet dabei nicht, alles allein schaffen zu müssen. Es geht um das Vertrauen, mit den eigenen Fähigkeiten, Erfahrungen und verfügbaren Unterstützungen wirksam handeln zu können.
Was das für unsere Gespräche bedeutet
Gespräche können dazu beitragen, eigene Fähigkeiten, Erfahrungen und Handlungsmöglichkeiten bewusster wahrzunehmen. Dadurch können Menschen Vertrauen in ihre Fähigkeit entwickeln, den für sie stimmigen nächsten Schritt aus eigener Kraft bewältigen zu können.
William R. Miller & Stephen Rollnick Veränderung beginnt im Menschen
Warum gelingt Veränderung besser, wenn sie aus eigener Motivation entsteht?
Was mich daran überzeugt
William R. Miller und Stephen Rollnick beschreiben Motivation nicht als etwas, das einem Menschen von außen vermittelt oder verordnet werden kann. Sie kann in einem wertschätzenden Gespräch wachsen, wenn ein Mensch seine eigenen Werte, Ziele und Beweggründe erkundet.
Ihre motivierende Gesprächsführung ist von Partnerschaft, Akzeptanz, Mitgefühl und dem Vertrauen geprägt, dass Menschen eigene Gründe und Wege für Veränderung entdecken können. Auch widersprüchliche Gefühle werden dabei nicht als Widerstand bewertet, sondern als verständlicher Teil eines Veränderungsprozesses.
Was das für unsere Gespräche bedeutet
Ich sehe meine Aufgabe darin, Menschen dabei zu begleiten, ihre eigenen Antworten zu finden und ihre persönliche Motivation zu entdecken. Veränderung wird dadurch zu einem Weg, den Menschen aus eigener Überzeugung gehen.
Was das für unsere Gespräche bedeutet
Alle wissenschaftlichen Ansätze, auf die ich mich beziehe, haben eines gemeinsam: Sie stellen den Menschen in den Mittelpunkt.
Genau das ist auch mein Anliegen. Ich möchte aufmerksam zuhören, Zusammenhänge verstehen und gemeinsam neue Perspektiven entwickeln. Ich begleite Menschen dabei, ihre Gedanken zu sortieren, Gefühle einzuordnen und ihre eigenen Möglichkeiten bewusster wahrzunehmen.
Ich bin überzeugt, dass tragfähige Entscheidungen dann entstehen, wenn sie zu dem Menschen passen, der sie trifft.
Wenn ein Mensch am Ende eines Gesprächs spürt: „Jetzt weiß ich besser, was zu mir passt.“, dann ist für mich etwas Wichtiges gelungen.
Wenn Sie weiterlesen möchten
Wenn Sie die Gedanken hinter meiner Haltung näher kennenlernen möchten, empfehle ich Ihnen besonders die folgenden Werke. Soweit möglich, habe ich frei zugängliche Quellen ausgewählt.
Carl Rogers
Buchempfehlung
Rogers, C. R. (1961). On Becoming a Person.
Richard Lazarus
Buchempfehlung
Lazarus, R. S., & Folkman, S. (1984). Stress, Appraisal, and Coping.
Zur Vertiefung
Lazarus, R. S. (1991). Emotion and Adaptation.
Aaron T. Beck
Buchempfehlung
Beck, A. T., Rush, A. J., Shaw, B. F., & Emery, G. (1979). Cognitive Therapy of Depression.
Edward L. Deci & Richard M. Ryan
Kostenloser Volltext
Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being.
Buchempfehlung
Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2017). Self-Determination Theory: Basic Psychological Needs in Motivation, Development, and Wellness.
Albert Bandura
Buchempfehlung
Bandura, A. (1997). Self-Efficacy: The Exercise of Control.
William R. Miller & Stephen Rollnick
Kostenloser Volltext
Miller, W. R., & Rollnick, S. (2012). Meeting in the middle: Motivational interviewing and self-determination theory.
Buchempfehlung
Miller, W. R., & Rollnick, S. (2023). Motivational Interviewing: Helping People Change and Grow (4th ed.).
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„Für mich beginnt jedes Gespräch mit dem aufrichtigen Wunsch, einen Menschen wirklich zu verstehen.“